
Zeichen ohne Bedeutung: KI als Lektor und Korrektor
Matthias Zehnder, Medienwissenschaftler und Leiter der Edito Academy, zeigte im Webinar, was Sprachmodelle beim Korrigieren und Redigieren leisten können und wo sie prinzipiell scheitern müssen. Ausgangspunkt war eine hundert Jahre alte Einsicht der Sprachwissenschaft: Zeichen und Bedeutung sind nur willkürlich verknüpft. Computer verarbeiten Zeichen, nicht Bedeutungen, und die KI hat diese Grenze nicht verschoben, sie kaschiert sie nur besser. Wer korrigieren will, muss wissen, was der Text sagen soll. Diese Instanz bleibt der Mensch.
Zehnder führte zunächst durch die Grundlagen: Saussure, Frege und Shannon markieren die Trennlinie zwischen Zeichenebene und Bedeutungsebene, die sich durch Lexikon und Grammatik nur teilweise, durch Pragmatik gar nicht formalisieren lässt. Für die Rechtschreibung heisst das: Ein Drittel bis die Hälfte aller Fehler sind sogenannte Real-Word-Errors, also gültige Wörter am falschen Ort («seid» statt «seit», «Mine» statt «Miene»). Ein wörterbuchbasierter Rechtschreibprüfer ist für sie per Konstruktion blind. Auf der Zeichenebene erledigen lassen sich Nicht-Wörter, doppelte Leerzeichen, falsche Anführungszeichen, Datumsformate und die ss/ß-Konvention. Alles Weitere braucht Bedeutung.
Sprachmodelle lösen diese Kontextabhängigkeit über Wahrscheinlichkeit, nicht über Verstehen, und neigen deshalb zur Überkorrektur: Sie korrigieren nicht, sie schreiben um. Und sie scheitern nicht sichtbar, sondern liegen plausibel daneben. Dazu kommen die Schweizer Besonderheiten, denn deutschlandlastig trainierte Modelle setzen ß, glätten Helvetismen wie «traktandieren» oder «parkieren» und korrigieren Dialektzitate, die unangetastet bleiben müssen.
Den Kern des Webinars bildete ein Testtext: eine fiktive Gemeindemeldung aus «Buchsberg», gespickt mit Fehlern auf allen Ebenen. Zehnder liess Word, Duden Mentor, LanguageTool und ein Sprachmodell ohne Anleitung darauf los. Das Ergebnis: Die Wörterbuchprüfer fanden die Nicht-Wörter zuverlässig, die richtig geschriebenen falschen Wörter praktisch nie. Das Sprachmodell fand beides und bemerkte sogar inhaltliche Widersprüche, richtete dabei aber Schaden an, der ohne Vergleich unsichtbar bleibt. Was keines der Werkzeuge prüfen kann: dass der 14. Mai 2026 kein Dienstag war, dass 2,4 Millionen auf vier Jahre nicht 800'000 pro Jahr ergeben, dass ein Abstimmungsresultat 102 Prozent ergibt oder dass der Titel das Gegenteil des Resultats behauptet.
Als Gegenentwurf zeigte Zehnder die interaktiven Korrektur- und Redigier-Prompts der Edito Academy, die nicht blind korrigieren, sondern begründete Vorschläge in Tabellenform liefern (Fundstelle, Original, Vorschlag, Regel), sowie das Edito-Tool, das die Vorschläge per Mausklick annehmen oder ablehnen lässt. Die Prompts liegen im Open Repository der Edito Academy unter academy.edito.ch frei zugänglich.
Beim Redigieren geht es um eine Stufe mehr, denn hier gibt es keine Norm mehr. Ein Text ist nicht gut oder schlecht, sondern gut für einen Zweck und für ein Publikum. Zehnder stellte Wolf Schneiders Forderung nach möglichst einfachem Schreiben der Gegenposition von Birgit Schmid gegenüber und zeigte am Sonderfall Rede, dass sich Schreibregeln je nach Textsorte umkehren. Werkzeuge messen nur Stellvertretergrössen wie Satzlänge und Silbenzahl, und Studien von Padmakumar & He sowie Doshi & Hauser belegen, dass Texte mit KI im Einzelfall besser und im Aggregat ärmer werden.
Die Verantwortung bleibt derweil beim Menschen: Der KI-Leitfaden des Schweizer Presserats und der neue Verhaltenskodex der Schweizer Medienbranche halten fest, dass Redaktionen für alle publizierten Inhalte voll verantwortlich sind, unabhängig vom Werkzeug. Beispiele von der «Suncoast Searchlight» bis zum «Telegraph» zeigten, was passiert, wenn KI-Vorschläge ungeprüft in die Produktion rutschen. In der Diskussion ging es um die Zuverlässigkeit der Werkzeuge, um Microsoft Copilot, der sich als Bestandteil der Office-Produkte kaum kontrollieren lässt, und um die Sorge, in Abhängigkeit von KI-Werkzeugen zu geraten. Zehnders Antwort: KI als Ergänzung der eigenen Kritikfähigkeit einsetzen, nicht als deren Ersatz.
Referent: Matthias Zehnder, Medienwissenschaftler und Publizist, Leiter der Edito Academy
Datum: Mittwoch, 26. August 2026
Learnings
Computer kennen keine Bedeutung: Schrift ist ein Zeichensystem, und Maschinen verarbeiten Zeichen und deren Wahrscheinlichkeiten. Sprachmodelle haben diese Grenze nicht aufgehoben, sie überspielen sie nur überzeugender. Wer versteht, was ein Text sagen soll, ist immer noch der Mensch.
Die Hälfte der Fehler ist unsichtbar: Ein Drittel bis die Hälfte aller Rechtschreibfehler ergeben ein gültiges Wort. Wörterbuchprüfer wie Word, Duden Mentor oder LanguageTool finden Nicht-Wörter zuverlässig, «seid» statt «seit» aber praktisch nie. Das liegt nicht am Programm, sondern daran, dass diese Fehler auf der Zeichenebene keine Fehler sind.
LLMs korrigieren nicht, sie schreiben um: Sprachmodelle neigen systematisch zur Überkorrektur, weil für sie Korrektur und Umformulierung dasselbe sind, nämlich eine wahrscheinliche Fortsetzung von Zeichen. Ihre Stärke liegt bei geschlossenen, regelgeleiteten Kategorien wie Artikeln, Präpositionen und Kongruenz, wo Bedeutung am wenigsten mitspielt.
Kein Text ohne Diff: Ohne sichtbaren Vergleich von Vorher und Nachher ist KI-Redigieren nicht verantwortbar. Word-Dokumentvergleich, diffchecker.com oder ein lokales Diff-Werkzeug machen sichtbar, was das Modell stillschweigend verändert hat. Faustregel: Kein Text geht ohne Diff in die Produktion.
Liste statt Fliesstext: Das Ausgabeformat ist so entscheidend wie der Prompt. Wer den korrigierten Text zurückbekommt, übernimmt ihn. Wer eine Tabelle mit Fundstelle, Original, Vorschlag und Begründung bekommt, entscheidet selbst. Das ist anstrengender, aber es hält die Kontrolle beim Texthandwerker.
Korrektor und Lektor trennen: Der Korrektor darf nur markieren und nichts umschreiben (Minimal-Edit-Prinzip). Der Lektor darf vorschlagen und muss begründen, ändert aber nichts selbst. Ein einziger Prompt für beides ist im Alltag die Hauptursache für Überkorrektur.
Sperrzonen definieren: Innerhalb von Anführungszeichen wird nichts geändert. Eigennamen, Firmennamen, Dialektpassagen, Fachbegriffe und Zahlen sind für das Werkzeug tabu. Eine kleine Hausorthografie-Datei mit Helvetismen und Schreibkonventionen, die dem Modell mitgegeben wird, schützt das Schweizer Hochdeutsch vor dem ß.
Die Reihenfolge entscheidet: Der häufigste Fehler ist nicht der falsche Prompt, sondern die falsche Abfolge. Inhalt, Struktur und Schreiben sind Menschensache, Redigieren höchstens mit KI als Sparringspartner, Faktencheck an den Quellen. Das Korrekturwerkzeug kommt ganz am Schluss, nach dem letzten menschlichen Eingriff, und danach prüft der Mensch den Diff.
Ein guter Text ist eine Relation: Qualität ist keine messbare Eigenschaft, sondern ein Verhältnis zwischen Text, Zweck und Leserschaft. Verständlichkeitsindizes messen nur Korrelate. Ein Text mit hervorragendem Flesch-Wert kann vollkommen unverständlich sein, weil er das Falsche sagt. Textsortenprofile sollten deshalb als Positionen deklariert werden («Wolf-Schneider-Profil»), nicht als «gut».
Im Einzelfall besser, im Aggregat ärmer: Studien zeigen, dass KI-gestützte Texte zwar besser bewertet werden, sich untereinander aber ähnlicher werden. Die Chance der Werkzeuge liegt dort, wo Stellvertretergrössen legitim sind: Konsistenz über lange Texte, einheitliche Namensschreibung, Hilfe für Nicht-Muttersprachler, eine zweite Meinung um 23 Uhr. Die Gefahr liegt dort, wo der Stellvertreter für die Sache gehalten wird.
Eine KI haftet nie: Presserat und Branchenkodex halten fest, dass Journalistinnen und Redaktionen in letzter Instanz für alle publizierten Inhalte verantwortlich sind, unabhängig vom Werkzeug. Verantwortung setzt Verstehen voraus, und ein System, das Zeichen verarbeitet, kann grundsätzlich nicht haften. Ziffer 5 des Presserats-Leitfadens gilt für jedes Korrekturtool: keine vertraulichen oder sensiblen Daten in KI-Programme, solange die Kontrolle über deren Verwendung nicht gewährleistet ist.
Referent: Matthias Zehnder
Datum: Mittwoch, 26. August 2026
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