Automatisch informiert: Recherche-Assistent bei Somedia

06.09.2026

Automatisch informiert: Recherche-Assistent bei Somedia

Automatisch informiert: Recherche-Assistent bei Somedia

«Wenn ich das gewusst hätte …» ist ein häufiger Seufzer an der Redaktionskonferenz. «Wenn wir gewusst hätten, dass das Obergericht …» Julian Reich, KI-Verantwortlicher bei der Bündner Somedia, hat deshalb Recherche-Assistenten für die Redaktion gebaut, die automatisch über Urteile des Obergerichts informieren. Im Webinar der Edito Academy gab er Einblick in die KI-Anwendungen bei Somedia und zeigte, warum er heute deutlich weniger Zeit für das Schreiben von Kurzmeldungen benötigt.

Julian Reich stellte zunächst die KI-Initiative seines Hauses vor. Somedia setzt auf zwei Säulen: ein E-Learning-Programm für alle Mitarbeitenden und ein Champions-Programm mit 20 speziell geschulten Wissensträger:innen, die als Multiplikator:innen in den Redaktionen wirken. Das erklärte Ziel: nicht Stellen ersetzen, sondern effizienter und besser arbeiten. Genau in diesem Geist sind seine eigenen Anwendungen entstanden.

Den Kern des Webinars bildeten konkrete Workflows, die Julian Reich mit Claude und der Automatisierungsplattform n8n entwickelt hat. Sein Gerichtsmonitor zieht automatisch RSS-Feeds des Obergerichts, lässt die Urteile von der KI zusammenfassen und schickt das Resultat über Telegram in die Redaktion. Was früher manuelles Monitoring war, läuft heute im Hintergrund. Ein zweiter Workflow transkribiert Audio zu Text – live entwickelt für die Glarner Landsgemeinde. Daneben zeigte Julian Reich Datenrecherchen, die er mit Claude durchgeführt hat: eine systematische Analyse von Briefkastenfirmen in Graubünden und eine Auswertung der Bevölkerungszahlen aller Bündner Gemeinden, jeweils mit Visualisierungen.

Matthias Zehnder unterstrich das Credo der Edito Academy: KI ist kein Ersatz für Journalist:innen, sondern ein Werkzeug, das repetitive Aufgaben übernimmt und Arbeitsabläufe vereinfacht. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen Chatbot und Workflow: Die KI sollte nicht primär als Gesprächspartner genutzt werden, sondern als zuverlässiger Mitarbeiter für wiederholbare Prozesse. Ein zentrales Thema war auch der neue Schweizer KI-Kodex der Medienbranche – nach Einschätzung von Matthias Zehnder eher weichgespült, aber immerhin mit einer klaren Grundregel: Die Verantwortung für KI-generierte Inhalte bleibt beim Menschen.

Learnings

Behörden-Monitoring lässt sich automatisieren: Wer regelmässig Mitteilungen, Urteile oder Einträge von Behörden auswerten muss, kann diese Arbeit weitgehend an die KI delegieren. RSS-Feed plus Sprachmodell plus Messenger-Anbindung ergibt einen Recherche-Assistenten, der niemals etwas verpasst.

Trigger machen aus dem Chatbot ein Werkzeug: Der entscheidende Schritt vom KI-Spielzeug zum produktiven Werkzeug heisst Trigger. Erst wenn ein Workflow automatisch durch ein Ereignis ausgelöst wird (neuer RSS-Eintrag, eingehende Mail, hochgeladenes Audio), entfaltet die KI ihren vollen Nutzen.

n8n als Mittler zwischen Tools: Plattformen wie n8n verbinden Datenquellen, KI-Modelle und Ausgabekanäle. Was früher individuelle Programmierung erforderte, lässt sich heute mit visuellen Workflows zusammenstecken – auch ohne Informatik-Studium.

Telegram als Redaktions-Kanal: Für die interne Verteilung automatisierter Recherche-Resultate eignen sich Messenger wie Telegram. Die Resultate landen direkt dort, wo das Team ohnehin kommuniziert – ohne zusätzliche Plattform und ohne zusätzliche Logins.

Audio-Transkription für die Demokratie-Berichterstattung: Live-Transkription öffentlicher Anlässe wie der Glarner Landsgemeinde war bisher schlicht zu aufwendig. Mit KI-gestützten Workflows wird die direkte Berichterstattung über demokratische Prozesse plötzlich realistisch – inklusive späterer Suchfunktion.

Datenanalyse als neues Recherche-Feld: Mit Claude lassen sich grosse Datenbestände wie Handelsregister oder amtliche Statistiken systematisch durchforsten und visualisieren. Plausibilitätsprüfung und journalistische Einordnung bleiben aber menschliche Aufgaben – die KI liefert Hypothesen, nicht Wahrheiten.

E-Learning plus Champions-Programm: Eine wirksame KI-Strategie im Verlag hat zwei Ebenen: Grundlagen für alle (E-Learning) und vertiefte Ausbildung für Multiplikator:innen (Champions). Letztere holen Anwendungsfälle aus den Redaktionen ab und entwickeln passgenaue Lösungen.

Schweizer KI-Kodex: weich, aber wegweisend: Der neue Kodex der Schweizer Medienbranche bleibt allgemein, formuliert aber das zentrale Prinzip klar: Die Verantwortung für KI-Inhalte liegt unverändert beim Menschen. Das ist keine Einschränkung, sondern die Grundlage für seriöse Anwendungen.

Datenschutz vor Effizienz: Bei automatisierten Workflows mit internen oder sensiblen Daten muss vor dem produktiven Einsatz geklärt werden, welche Modelle wo Daten verarbeiten. Effizienzgewinne dürfen nicht zu Datenschutzlecks führen – gerade bei Behördendaten und Personendaten.

Wissen teilen statt Insellösungen: Wer einmal einen Workflow gebaut hat, sollte ihn dokumentieren und im Team verfügbar machen. Sonst entstehen Insellösungen, die mit dem Wegzug einer einzelnen Person verloren gehen. Die Champions-Struktur bei Somedia ist genau dafür gedacht.

Referent: Julian Reich
Datum: Donnerstag, 7. Mai 2026

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