Einblick in die KI im «Blick»

06.09.2026

Einblick in die KI im «Blick»

Einblick in die KI im «Blick»

Thomas «bö» Benkö, AI Innovation Lead Newsroom beim «Blick», gab im Webinar der Edito Academy einen offenen Einblick in den KI-Alltag beim «Blick». Benkö zeigte, wo KI im Newsroom bereits produktiv eingesetzt wird und wo Gefahren lauern. Seine zentrale Botschaft: «Trau deinen Augen nicht!»

Benkö stellte zunächst die neue Version 2 der Ringier-KI-Richtlinien vor, die seit März 2026 gilt. Ringier war 2023 der erste Schweizer Verlag mit solchen Richtlinien; die neue Version lockert eine Regel und verschärft eine andere. Gelockert: KI-Einsatz bei Texten muss nicht mehr zwingend deklariert werden, wenn ein Mensch den Text kritisch prüft und die Verantwortung übernimmt. Verschärft: KI-generierte Bilder und Videos müssen ohne Ausnahme immer gekennzeichnet werden. Darüber hinaus geht «Blick» intern noch strenger vor und verzichtet im Newsbereich vollständig auf fotorealistische KI-Bilder, um die Leserschaft nicht in die Irre zu führen.

Als «Publikumsliebling» bezeichnete Benkö das Transkriptions-Tool AI Forge, das bei Ringier intern über aiforge.ringier.com zugänglich ist. Es erkennt Schweizerdeutsch, verarbeitet Audio- und Videofiles bis 2,5 Gigabyte, identifiziert einzelne Sprecherinnen und Sprecher und zeigt durch «Word confidence» an, bei welchen Textstellen das System unsicher ist. Als Bonus funktioniert die Anwendung auch vom Handy aus: Man lädt unterwegs auf, und im Büro ist das Transkript fertig. Noch praktischer für manche: WhatsApp-Sprachnachrichten lassen sich direkt transkribieren. Inzwischen wächst die Konkurrenz durch Google Gemini.

Unter den weiteren Tools stellte Benkö Heygen vor, mit dem «Blick» Social-Videos automatisch ins Englische übersetzt, mit überraschend guten Resultaten auch aus dem Schweizerdeutschen. Der TikTok-Kanal «@blickinenglish» zeigt die Ergebnisse. Dazu kommt Proteus, eine selbstgebaute Plattform für den paneuropäischen Geschichten-Austausch zwischen den Ringier-Ländern (Schweiz, Serbien, Slowakei, Polen u.a.): KI hilft dabei, relevante Geschichten aus dem Angebot zu filtern und übersetzt sie gleich mit. Gegen Ende des Jahres rollt Ringier zudem ein neues, in Polen in-house entwickeltes CMS namens «Ring» aus, das von Grund auf als «AI-centric» konzipiert ist und KI-Unterstützung von der Story-Suche bis zum fertigen Titel in den redaktionellen Workflow integriert.

Dann widmete sich Bö dem Kampf gegen KI-generierte Fake-Bilder. Fake News sind nicht neu, aber die KI hat ihre Qualität und Verbreitung massiv erhöht. Benkö zeigte anhand von Fallbeispielen, wie gefährlich die Lage ist: Ein KI-generiertes Bild eines blutenden, verhafteten Nicolás Maduro gelangte über die renommierten Agenturen Dukas und Polaris ins Mediendatenbankportal und wurde in der «Schweizer Illustrierten» gedruckt. Das Korrigendum folgte eine Woche später. KI-generierte Bilder eines iranischen Drohnenträgerschiffs liefen über die Agentur SalamPix, bevor der «Spiegel» sie enttarnte. Auch der offizielle Account des Weissen Hauses lieferte manipulierte Bilder. «Traut niemandem», lautet Benkös Fazit, auch nicht vertrauenswürdigen Agenturen und offiziellen Accounts. «Blick» reagiert mit seit Jahren laufenden Schulungen, die ab 2026 für alle journalistischen Mitarbeitenden verpflichtend werden. Die entscheidende Gegenfrage bei jeder spektakulären Story lautet: Hat man sie als einzige:r, weil man so gut ist – oder weil man hereingelegt wurde?

Learnings

Neue Ringier-Richtlinien: Texte müssen nicht mehr deklariert werden, wenn ein Mensch kritisch prüft. Bilder müssen immer deklariert werden. Die Verantwortung liegt unverändert beim Journalisten und beim Verlag. Das ist auch die Position des Schweizer Presserats.

Intern strenger als extern verlangt: «Blick» verzichtet freiwillig auf fotorealistische KI-Bilder im Newsbereich, auch wenn die Ringier-Richtlinien das nicht zwingend vorschreiben. Vertrauen ist wichtiger als die Möglichkeit.

KI transformiert, erschafft nicht: AI kann bestehendes Material aufbereiten, übersetzen, transkribieren und zusammenfassen, aber keine wirklich neuen Inhalte erschaffen. Wer das versteht, setzt KI richtig ein.

Transkription als grösster Alltagsgewinn: Das Tool AI Forge spart im Newsroom täglich Stunden. Schweizerdeutsch-Erkennung, Sprecheridentifikation, Word confidence und mobile Nutzung machen es zum praktischsten KI-Werkzeug im Redaktionsalltag.

Übersetzung als Skalierungshebel: Social-Videos aus dem Schweizerdeutschen automatisch ins Englische zu übersetzen kostet kaum Aufwand und öffnet ein internationales Publikum. KI kann hier Reichweite schaffen, ohne Ressourcen zu binden.

Agenturen sind keine Garantie: Fake-Bilder laufen über Dukas, Polaris und SalamPix. Auch offizielle Regierungsaccounts liefern manipulierte Bilder. Die journalistische Prüfpflicht gilt, unabhängig von der Quelle, für jedes Bild.

Trau deinen Augen nicht: KI-generierte Bilder verraten sich oft durch Details: inkonsistentes Farb-Grading, Ohrringe die sich «verdellen», Ringe die die Hand wechseln, physikalisch unmögliche Fingerpositionen, unnatürliche Schatten. Wer diese Artefakte kennt, erkennt sie auch unter Zeitdruck.

Auch Prominenten-Fotos prüfen: KI-bearbeitete Pressefotos von Prominenten (Beispiel Marianne Cathomen) können direkt von den Betroffenen oder deren Management eingereicht werden. Auch hier gilt: genau hinschauen.

Pflichtschulungen als Standard: «Blick» schult seit Jahren, ab 2026 verpflichtend für alle Journalistinnen und Journalisten. Medienkompetenz im Umgang mit Fake-Bildern ist keine Option mehr, sondern Berufsvoraussetzung.

Referent: Thomas Benkö
Datum: Mittwoch, 18. März 2026

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