KI als Assistenzsystem für Journalist:innen

06.09.2026

KI als Assistenzsystem für Journalist:innen

KI als Assistenzsystem für Journalist:innen

Matthias Zehnder, Medienwissenschaftler und Publizist, zeigte im Webinar der Edito Academy, wie KI nicht als Ersatz für Menschen, sondern als intelligentes Assistenzsystem im journalistischen Alltag eingesetzt werden kann. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass KI-Texte oft hohl, phrasenhaft und leer sind. Journalistinnen und Journalisten sollen der KI nicht das Steuer überlassen, sie aber auch nicht bloss als «Telefon» benutzen, das man anruft und das antwortet. Ziel ist der Einsatz der KI wie ein Fahrassistenzsystem, das den Journalisten vorausschauend unterstützt, während der Mensch am Steuer bleibt.

Matthias Zehnder skizzierte zunächst die grundlegende Aufgabenteilung: Was bleibt menschlich? Kreativität, Verantwortung, Empathie, Zeugenschaft. Was kann die KI besser? Datenverarbeitung, Geschwindigkeit, Skalierung. Daraus entwickelte er ein Modell, das den journalistischen Arbeitsprozess in sieben Bereiche gliedert: Recherche-Assistenz, Interview-Vorbereitung, Schreib-Assistenz, Monitoring, Produktions-Assistenz, Qualitätssicherung und Kommunikation. Jeder Bereich umfasst konkrete Einsatzszenarien – von der Chronologie-Erstellung aus verstreuten Quellen über den Quellenvielfalt-Check bis zur Archiv-Recherche im eigenen Werk.

Den Kern des Webinars bildete die Vorstellung von fünf verketteten Prompts, die den gesamten journalistischen Arbeitsprozess abdecken und im Open Repository der Edito Academy unter academy.edito.ch frei zugänglich sind:

  • das Themen-Briefing (erste Übersicht zu einem Thema: Akteure, Fakten, offene Fragen)
  • der Blinde-Fleck-Detektor (welche Frage stelle ich vor dem Interview nicht, die ich stellen sollte?)
  • das Red Team (These oder Textentwurf gegen die stärksten Gegenargumente härten)
  • der Lücken-Detektor (was fehlt noch, damit der Leser versteht, einordnet und glaubt?)
  • der Bias-Detektor (welche Formulierungen transportieren ungewollt Wertung?).

Die Prompts funktionieren eigenständig, lassen sich aber auch in Sequenz verbinden. Zwei Teilnehmerinnen testeten die Tools live mit den Themen «digitale Datensouveränität» und «Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen».

Matthias Zehnder betonte das Credo der Edito Academy: KI verbessert nicht bloss das «Werkstück», sondern hilft Journalist:innen, besser zu werden. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. Für den Umgang mit vertraulichen Daten empfahl er lokale KI-Lösungen wie Jan.ai oder datensichere Dienste wie Nenna AI – kommerzielle Tools wie ChatGPT oder Copilot sind für sensible Dokumente nicht geeignet. Geplant ist, das Assistenzsystem weiter auszubauen.

Learnings

KI als Assistenzsystem, nicht als Ersatz: Das zentrale Bild des Webinars war das Fahrassistenzsystem. Navi, ABS, Spurhalteassistent – die KI unterstützt, aber der Mensch lenkt und steuert das Ziel an. Übertragen auf den Journalismus: Wir schreiben, nicht die KI. Wir haben die Kontrolle.

Nicht wie ein Telefon nutzen: Viele Journalist:innen nutzen KI reaktiv – sie stellen eine Frage und erhalten eine Antwort. Wirksamer ist der proaktive Einsatz: Die KI nimmt Positionen ein, die man selbst nicht einnehmen will oder kann, und zeigt, was man nicht sieht.

Blinde Flecken sichtbar machen: Konkrete Prompts wie der Blinde-Fleck-Detektor helfen, unbewusste Auslassungen vor dem Interview zu erkennen. Der Lücken-Detektor zeigt argumentative Lücken im Textentwurf. Beide liefern einen anderen Blick als der eigene Redaktor.

Red-Team-Denken: Wer seine These oder seinen Textentwurf vor der Publikation gegen die stärksten Gegenargumente härtet, wird besser. Die KI übernimmt dabei die Gegenposition – ohne Lampenfieber, ohne Rücksichtnahme, ohne Redaktionspolitik.

Bias erkennen, bevor andere es tun: Der Bias-Detektor prüft kurz vor Publikation ausschliesslich unbewusste Schlagseite in Wortwahl, Struktur und Zuschreibungen – nicht Stil oder Argumentation. Er kann mehrfach eingesetzt werden, wenn ein Text überarbeitet wurde.

Verkettete Prompts als System: Die fünf Prompts sind so konzipiert, dass sie ineinandergreifen. Der Output des Themen-Briefings kann direkt als Input für den Blinde-Fleck-Detektor verwendet werden. Je früher im Prozess, desto mehr Orientierung; je später, desto schärfer die Prüfung.

Datenschutz nicht vergessen: Für vertrauliche Dokumente, geleakte Unterlagen oder nicht-öffentliche Informationen dürfen keine kommerziellen KI-Tools verwendet werden. Empfehlung: lokale Lösungen (Jan AI) oder datensichere Shells (Nenna AI).

Frei zugänglich im Repository: Alle Prompts sind unter academy.edito.ch im Open Repository kostenlos verfügbar – mit Versionen für Claude (Anthropic), ChatGPT (OpenAI) und Gemini (Google). Jeder Prompt lässt sich direkt kopieren und einsetzen.

Referent: Matthias Zehnder
Datum: Mittwoch, 15. April 2026

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