
Reto Vogt, Chief Product Officer am MAZ, zeigte im Webinar der Edito Academy, wie Lokaljournalist:innen KI sinnvoll einsetzen können, ohne den persönlichen Kontakt zu den Menschen aufzugeben. Als Ausgangspunkt wählte er ein Dilemma, das viele kleine Redaktionen kennen: Wahrer Journalismus findet vor Ort statt, bei echten Gesichtern und Geschichten im Dorf und im Quartier. Doch die Ressourcen sind knapp, die Ansprüche steigen, und die Themen werden nicht weniger. Die Frage: Wo hilft KI im Lokalen wirklich? Wo stösst sie an ihre Grenzen?
Reto Vogt begann mit den Grenzen. KI-Modelle tun sich schwer mit lokaler Berichterstattung, weil ihnen die Datenbasis und der lokale Kontext fehlen: Was im Dorf zählt, steht in keinem Trainingsdatensatz. Genau deshalb plädiert er für eine klare Arbeitsteilung. Sein Beispiel war die Gemeinderatssitzung. Die KI übernimmt Protokoll und Zusammenfassung, während sich die Journalistin auf das konzentriert, was nur sie erfassen kann: die Stimmung im Saal, die Gespräche am Rand, die Zwischentöne. So wird der Journalismus effizienter, ohne an Qualität zu verlieren.
Den Kern des Webinars bildeten sechs konkrete Anwendungsfälle aus dem Redaktionsalltag. Reto Vogt zeigte, wie sich Gemeindemitteilungen in journalistische Texte umwandeln, Baugesuche und Wahlergebnisse analysieren und Sportberichte aus den Daten von Sportseiten erzeugen lassen. Für die Datenanalyse demonstrierte er NotebookLM von Google, das seine Antworten transparent auf die verfügbaren Quellen stützt, und Custom-GPTs von ChatGPT. Wie weit Automatisierung gehen kann, zeigte das Beispiel eines deutschen Lokalverlags, der zur Bundestagswahl 1025 KI-generierte Wahlergebnistexte publizierte – mit positivem Leserfeedback. Matthias Zehnder ergänzte ein eigenentwickeltes Web-Tool, das KI als «Dampfmaschine» für die automatische Generierung von Kurzmeldungen nutzt und dabei die Originalquellen zur Verifizierung daneben stellt.
Ein zentrales Thema war die Verantwortung. Matthias Zehnder stellte klar: Für die Korrektheit veröffentlichter Inhalte haftet der Verlag, unabhängig davon, welches Tool im Spiel war. Dabei macht es einen Unterschied, ob die KI rein algorithmisch Wahlzahlen verarbeitet oder kreative Entscheidungen trifft; im zweiten Fall ist das Risiko grösser. Reto Vogt bestätigte, dass falscher KI-Einsatz in einer Redaktion durchaus ein Kündigungsgrund sein kann. Für die KI-Transkription von Audio mahnte er, vorab das Einverständnis der Gesprächspartner einzuholen. Als Leitbild für die Balance diente Matthias Zehnder das «Cappuccino-Prinzip»: Die KI übernimmt die Grundarbeit, damit den Journalist:innen für die hochwertigen, eigenständigen Beiträge mehr Zeit bleibt.
Learnings
KI versteht das Lokale nicht von selbst: Sprachmodelle kennen die Welt aus Trainingsdaten und die enthalten kaum, was im Dorf oder Quartier zählt. Lokaler Kontext muss von Menschen eingebracht werden. Wer das weiss, setzt KI im Lokalen gezielter ein.
Arbeitsteilung im Gemeinderatssaal: Die KI kann easy protokollieren und zusammenfassen. Die Stimmung im Saal, die Gespräche am Rand, die Zwischentöne erfasst nur der Mensch. Genau da wird die gewonnene Zeit investiert.
Strukturierte Daten sind das ideale Futter: Wahlergebnisse, Baugesuche, Sportresultate – überall, wo saubere Daten vorliegen, kann KI zuverlässig Texte erzeugen. Je strukturierter die Quelle, desto belastbarer das Resultat.
Automatisierung skaliert den Lokaljournalismus: Ein deutscher Lokalverlag publizierte zur Bundestagswahl 1025 KI-generierte Wahlergebnistexte, mit gutem Leserfeedback. Was einzeln nie geschrieben würde, wird mit KI machbar.
Die Dampfmaschine mit Quellenkontrolle: Matthias Zehnders Tool generiert Kurzmeldungen automatisch und legt die Originalquellen gleich daneben. So bleibt die Verifizierung schnell und der Kontrollverlust gering. (Siehe academy.edito.ch/repository )
Der Verlag (und der Journalist) haftet, nicht das Tool: Für veröffentlichte Inhalte ist und bleibt der Verlag verantwortlich, unabhängig davon, welche KI im Hintergrund mitgearbeitet hat. Diese Verantwortung lässt sich nicht an die Technik delegieren.
Algorithmisch ist weniger heikel als kreativ: Wenn KI reine Zahlen verarbeitet, etwa Wahlresultate, ist das Haftungsrisiko überschaubar. Sobald sie kreative oder wertende Entscheidungen trifft, steigt das Risiko deutlich.
Datenschutz bei der Transkription: Bevor ein Gespräch durch ein KI-Transkriptionstool läuft, braucht es das Einverständnis der Gesprächspartner – idealerweise schriftlich. Audioaufnahmen sind Personendaten.
Schweizerdeutsch ist kein Hindernis mehr: Moderne Transkriptionstools wandeln Schweizerdeutsch zu 95 bis 97 Prozent korrekt in Schriftdeutsch um. Für Interviews und Sitzungsmitschnitte ist das im Redaktionsalltag verlässlich genug.
Das Cappuccino-Prinzip: Die KI übernimmt die Grundarbeit, der Mensch liefert den Schaum und die Schoggi-Krümel – die hochwertigen, eigenständigen Beiträge. Wer die Routine delegiert, gewinnt Zeit für das, was den Lokaljournalismus auszeichnet.
Referent: Reto Vogt
Datum: Mittwoch, 20. Mai 2026
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